Samstag, 29. September 2012

Nocte Obducta - Und Pan spielt die Flöte

Schönen guten Morgen, unendliche virtuelle Weiten! 

Lange hab ich mit mir gezaudert, aber es muss sein. Dieser Blog hat seinen 5000 (fünftausendsten) Aufruf und zu diesem Anlass, von dem ich vor einem Jahr noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte, wage ich mich nun an eine wahre Naturgewalt von Lied. Momentan ist es eines meiner absoluten Lieblingslieder und ich könnte mir kaum eine großartigere Nummer für diesen Jubiläumsblogeintrag vorstellen. Mit großer Hochachtung vor Umfang und metaphorischem Gewirr, welches diese Nummer in sich birgt, lasse ich Pans Flöte spielen. Herzlichen Dank für 5000 Seitenaufrufe! (Und an dieser Stelle auch noch einmal Werbung für mein neu geschaffenes Projekt:
Beyond German Lyrics - schaut doch mal vorbei. Wie auch in diesem Blog sind dort Wünsche, Anregungen etc. in den Comments mehr als willkommen!)

Video:




Lyrics:

Ein Elixier aus kalten Urnen lebhaft floss in unserem Blut  
Das Kriechervolk im Schlamm sprach falsch und schürte unsre Wut
Wie Märchen kamen Schriften auf uns und vergess'ne Lieder
Besuchten uns in unseren Träumen, kehrten stetig wieder
Und trotz der Flüche und des Zorns war Platz für frohe Worte
Wir lachten, denn wir glaubten noch an andre, bess're Orte
Ein mildes Lächeln ob der eklen Kriecher tumben Possen
Doch bald lag alles weit zurück und schien mir wie zerflossen

Niemals wird vergessen, die Gebeine dieser Tage  
Gleich Lethes Flut verschlingen, sind die Zeiten auch verronnen
Denn nichts ward je begraben, und was bleibt, sind Kenotaphe  
Und ein Blick zurück, den Pfad entlang, der irgendwo begonnen

Auch heute sucht mein Blick nicht lange vor Frühlingserwachen
Auf der anderen Flussseite die großen, kahlen Bäume
Und wenn hinter mir wie Messing blutend sich die Sonne senkt
Dann leuchtet warm das kalte Holz und schickt mir neue Träume
Und dieser Fluss, der viel gesehen, viel mit sich genommen
Was wäre, wenn er ruhte wie ein See, nicht fließend, sondern still
Und alles, was man ihm geschenkt, behielte er und verwahrte
Wäre dann mein Spiegelbild in ihm ein andres Bild...?

Was bleibt, sind viele Worte, deren viele nicht geschrieben
Was bleibt, sind schöne Bilder, die fast alle nicht gemalt
Und Träume, die verwahren, was noch wartet auf Erfüllung
Und die Hoffnung, dass noch irgendwann der alte Glanz erstrahlt
Was bleibt, sind diese Zeilen, die mehr fühlen als sie sagen
Was bleibt, sind diese Lieder, die aus tausen Träumen klingen
Und vieles wird verloren sein, und keiner wird es finden
Doch irgendwer wird irgendwann noch diese Lieder singen
Als eines Nachts der Frühling kam, da brachte er die Freude  
Schuf Sinnbilder der Lebenslust und nie gekannte Freiheit
Und schrieb in meinen Träumen dennoch Sagen voller Trauer
Und Mythen voller Weltenschmerz toter Vergangenheit

Der Finsternis, die wir erdachten, erwuchsen neue Pfade
Die kannten einen Weg ans Licht, obschon sie voller Schwärze
Der Taumel der Gefühle war der Hirte dieser Wege
Denn das Ziel all jener Reisen war ein Spiegelbild der Herzen
Verzweiflung und Verzückung waren untrennbar verworren
Der Widerspruch in allem schien sich selber zu verspotten
Die Gier, die Pein zu spüren, schrie in meinen heißen Schläfen
Und um unsere Fluchtburg schien ein Weltbild zu verrotten
In kalten Katakomben wuchsen gräuliche Visionen  
Und unter einem jungen Himmel starb ein alter Frieden
Und dennoch schien ein Zerrbild seiner selbst in sich zu verhöhnen
Und stürzte sich auf all die Missgeburten, die uns mieden  
So waren also Hass und Liebe unzertrennbar verbunden
So war der Weg zu neuen Ufern nicht zu überschau'n  
So war doch dieser Weg der einz'ge Pfad, den wir verstanden
So spürten wir nicht ohne Qual des Lieben eis'ge Klauen
Und unvermittelt sah ich in den Spiegeln nur noch Schöpfer
Und Welten, die zuletzt ich in der Kinderstube sah
Der Zwiespalt zwischen Traum und Überleben schuf ein Chaos  
Das unter Schmerzen und doch lächelnd eine neue Welt gebar
Und so entstanden Worte, die auf taube Ohren stießen
Wie Artefarkte eines Traums in einer toten Welt  
Gesten, die dem blinden Mob wie zum Verzehr geboten  
Was, wenn der letzte Barde unrettbar im Disseits fällt...?

Desîhras Tagebuch schreibt in meinem Herzblut  
Von Wahnsinn und von Weisheit
In reich verzerrten Lettern
Desîhras Tagebuch
Weiß um einen alten Fluch
Liest zwischen allen Zeilen
In leicht vergilbten Blättern

Sieh nur die Puppen, sie tanzen in dämmrigem, kränkelndem Licht  
Sieh nur die Augen, den Schmerz und die Angst
Den Schrecken im lächelnden Puppengesicht  
Sieh nur ihre lieblichen Kleidchen
Das Zucken auf zitternden Füßen
Der Missklang der Töne, die Kakophonie
Ein erschreckendes Bild, sich die Zeit zu versüßen  

Süß sind die Früchte, doch faulten die Wurzeln
Schon als voller Omen der Frühling begann
In den Ästen die Vögel mit eiskalten Augen
Sie singen von nichts als dem Weltuntergang

So bringt uns die goldenen Äpfel, denn die, an die der Norden glaubt
Sind fabelhafte Gärtner,... obschon uns vor dem "Ewig" graut  
Doch nichts ist mehr so, wie es einstmals war
Und so ist auch das "Ewig" gestorben  
Die Früchte, die brachten, wonach alle trachten
Sind schön, doch schon lange verdorben
Weit fort von den Zinnen verblendeten Lärms
Dort draußen, weit hinter den Toren
Liegt fast unerreichbar das Land, das wir suchten
Das "Morgen" ist noch nicht verloren  

...und Pan spielt die Flöte


Inhalt, Rhetorisches & Allerlei:
Das Trennen der Strophen birgt schon die ersten Schwierigkeiten. Einerseits gibt es klar getrennte Strophen mit längeren Pausen, in denen lediglich die Instrumente zu hören sind, andererseits gibt es Strophen, wo der Textfluss nicht unterbrochen ist, sondern sich lediglich die Melodie ändert. Meines Erachtens könnte man die beiden ersten Strophen, so wie ich sie jetzt getrennt habe, durchaus auch zusammenfassen. 
Spannend ist auch die dialoghafte Abmischung, welche sich durch das gesamte Lied zieht. Kommt die erste Zeile aus der linken Box, so kommt die zweite Zeile aus der rechten, das zieht sich durch das gesamte Lied und erzeugt einen ganz eigenen Rythmus auf textlicher Ebene.
Auffällig ist auch immer wieder ein auftretender Endreim, die erste Strophe ist etwa komplett in Paarreimen gehalten, in der zweiten Strophe folgt ein Kreuzreim, danach scheint der Endreim eher willkürlich aufzutreten.
Die erste Zeile deutet schon vorsichtig die Wiedersprüche an, die das gesamte Lied thematisieren: "Ein Elixier aus kalten Urnen lebhaft Floss in unserem Blut". Das "Kalte" der Urnen steht hier im Widerspruch zum lebhaft fließenden Blut. Das Blut ist in diesem Fall symbolisch für das Leben, in unseren Körpern ist das Blut nicht kalt und steht somit im Gegensatz zur kalten Urne, die eine Allegorie für den Tod ist. "Das Kriechervolk im Schlamm" betrachte ich als Metapher für nicht selbstständig denkende, mitlaufende Menschen, die alles glauben und nachsprechen was man ihnen vorgibt "sprach falsch und schürte unsre Wut". Denkt beim nächsten Griff zur Boulevardzeitung eures Vertrauens darüber nach! Auch wenn sie gratis in der Ubahnstation aufliegt und die Sudokus so toll sind.
"Wie Märchen kamen Schriften auf uns und vergess'ne Lieder" Das "Wie" leitet einen klassischen Vergleich ein, gleichzeitig ist es eine Metapher, im üblichen Sprachgebrauch "kommt Schrift nicht auf jemanden", Schrift ist etwas passives, zusätzlich ist es eigentlich auch ein Paradoxon, denn wenn vergessene Lieder zurück kommen, sind sie eigentlich nicht mehr vergessen. Und es folgt gleich die nächste Metapher, die sich noch auf die vorige Zeile bezieht, die "Schriften und Lieder" besuchten "uns", wobei ich das "uns" als Selbstverständnis der Band betrachte, in den Träumen. Eventuell könnte man darüber streiten ob "in Träumen besucht werden" schon eine tote Metapher ist, auf jeden Fall ist es aber ursprünglich eine Metapher. Man träumt Träume und wird nicht in ihnen besucht.
"Flüche und Zorn" sind artverwandte Worte (eine Akkumulation), ansonsten bietet die erste Strophe rhetorisch keine Besonderheiten mehr.

"Niemals wird vergessen, die Gebeine dieser Tage" klingt eigenwillig, da sich offenbar das Verb im Singular auf "Gebeine" im Plural bezieht. "Gleich Lethes Flut verschlingen, sind die Zeiten auch verronnen" ist wieder eine sehr starke Metapher. Lethe ist einer der  griechischen Flüsse der Unterwelt, wer daraus trinkt, vergisst alles. Lethe verschlingt also früher oder später die veronnene Zeit mit Vergessenheit. Entweder weil man selbst vergesslich wird oder weil man stirbt. Hierbei sei erwähnt, dass Lethe auch der Titel des ersten Albums der Band ist und so auch zur autobiographischen Interpretation einlädt.
Gleich die nächste Zeile bringt den Widerspruch: Während die erste Zeile mit Lethe Symbolik des Vergessens zeigt, behauptet die nächste Zeile das genaue Gegenteil.  "Denn nichts ward je begraben" ist eine Metapher für Unbeendetes, etwas das nicht Begraben ist, kann nicht ruhen, kann nicht vergessen und verstärkt wird dieser Gedanke weitergehend mit  "und was bleibt sind Kenotaphe". Kenotaphe sind Denkmäler, deren Zweck die Erinnerung ist.  
Ein schöner Gedanke, den mir eine Freundin zu diesem Thema gerade schrieb und wie man es auf jeden Fall interpretieren könnte: Oft stehen Kenotaphe, Denkmäler etc. herum, sollen an etwas oder jemanden erinnern, wobei eigentlich niemand mehr weiß, wer diese Gestalten denn nun eigentlich sind.
Die nächste Zeile relativiert dann auch das "Vergessen" und "Erinnern". Der "Blick zurück" steht für das Erinnern, "der Pfad der irgendwo begonnen" deutet ein Vergessen an. Irgendwo, wo genau ist nicht mehr klar ersichtlich, hat irgendetwas begonnen. Alles in allem eine sehr starke und bedeutungstragende Strophe.

"Auch heute sucht mein Blick nicht lange vor Frühlingserwachen. Auf der anderen Flussseite die großen, kahlen Bäume" Überraschung! Das Lied wartet mit Metaphern auf. Frühling steht meist für Jugend, Beginn. Sein Blick sucht nicht lange, sondern schwenkt gleich zum anderen Flussufer, der Fluss als Metapher für ein Hindernis, aber auch Bewegung, zu kahlen Bäumen. Also dem Gegenteil vom Frühling, wenn man in der Jahreszeitenmetapher bleibt, Winter, Ende, Tod. Prinzipiell könnten diese Zeilen für das Leben stehen, Frühlingserwachen als Geburt, der Fluss als das Leben, die kahlen Bäume am anderen Ufer für den Tod. Diese Interpretation verstärkt sich in den folgenden Zeilen. "Wenn sich die Sonne, wie Messing blutend senkt", hat einerseits das blutende Messing als Metapher. Glänzendes Messing kann für sich spiegelnde Sonnenstrahlen stehen. Andererseits ist natürlich die sinkende Sonne erneut eine Metapher dafür, dass es zu Ende geht. "Das kalte Holz leuchtet warm und schickt mir neue Träume". Erneut ein wirklich heftiger Brocken, wenn man es interpretieren will. Das Holz bietet einen Rückschluss auf die kahlen Bäume am Ufer. Wenn das kalte Holz warm leuchtet (was übrigens wieder ein Paradoxon ist), könnte es verbrannt werden - wofür das wiederum steht, ist relativ offensichtlich, wenn man davon ausgeht, dass der kahle Baum das Ende des Lebens symbolisiert. "Und schickt mir neue Träume" klingt in Zusammenhang mit der vorangegangen Todesmetaphorik schlicht nach dem guten alten barocken Vanitas Motiv. Er (der Sänger?) träumt von der Vergänglichkeit, der Nichtigkeit des Lebens.
Der Barock als Vorstufe und Inspirationsquelle des Black Metal?
Ein interessanter Gedanke.
"Und dieser Fluss, der viel gesehen, viel mit sich genommen" ist nach meinem Interpretationsansatz eine Bestätigung, dass der Fluss für das Leben selbst, Erfahrungen und Erlebnisse steht. "Was wäre, wenn er ruhte wie ein See, nicht fließend, sondern still. Und alles, was man ihm geschenkt, behielte er und verwahrte. Wäre dann mein Spiegelbild in ihm ein andres Bild...?" Würde das Leben still stehen, würde man nichts vergessen, würde man sich nicht durch neue Erfahrungen verändern, wäre man wohl ein anderer Mensch. Das Spiegelbild im Fluss oder See bestätigt mich in meiner Aussage, dass der Fluss für das eigene Leben steht.

In der nächsten Strophe fallen die Anaphern auf: Viele Zeilen fangen mit "was bleibt" oder "Und..." an. Es folgen viele, teils paradoxe Metaphern: "viele nicht geschriebene Worte, viele nicht gemalte Bilder, Träume die auf Erfüllung warten. Lieder die aus Träumen klingen, vieles wird verloren sein, doch irgendwer wird irgendwann diese Lieder singen."
Wenn man bei der Jahreszeiten-Lebenszyklus-Allegorie bleibt, so könnte folgende Zeile etwa für ein neugeborenes Kind stehen. "Als eines Nachts der Frühling kam, da brachte er die Freude. Schuf Sinnbilder der Lebenslust und nie gekannte Freiheit" Oder für neue Liebe, für irgendeinen positiven Einschnitt in das Leben, der jedoch in den nächsten zwei Zeilen wieder im Vanitas-Gedanken endet und so eine wirklich barocke Veritas-Vanitas Gedankenwelt aufbaut. Selbst wenn das Leben schön ist, so droht doch allem immer die Vergänglichkeit. "Und schrieb in meinen Träumen dennoch Sagen voller Trauer. Und Mythen voller Weltenschmerz toter Vergangenheit."

"Der Finsternis, die wir erdachten, erwuchsen neue Pfade" Das könnte verschiedene Bedeutungen haben. Zum einen, dass sie (wer auch immer "wir" ist - die Band oder das Lyrische Ich?) ihre finstere Gedankenwelt, von der sie selbst träumen, noch weiter ausbauen oder aber, dass sie aus dieser Finsternis Pfade hinaus gefunden haben. Betrachtet man das Lied als Ganzes und das Wechselspiel aus Veritas und Vanitas Gedanken, so erscheint mir wahrscheinlicher, dass sie Pfade aus der Finsternis suchen und finden. Dieses Gegenüber von Lebenslust und Vergänglichkeit wird in den folgenden Zeilen verstärkt. Neben dem Hinweis auf Anaphern am Zeilenanfang und irgendwo willkürlich auftauchendem Endreim, lasse ich die folgenden Zeilen einfach in ihrer ganzen Pracht stehen. Man beachte die widersprüchlichen Symbole für Freude, Leben, Schmerz und Tod, die auch mehrfach direkt thematisiert werden: "Der Widerspruch in allem schien sich selber zu verspotten". Es finden sich auch viele Metaphern für das Erinnerungsmotiv, die sich wie schon öfter in Widersprüchen einbetten: Das "Artefakt" (als bleibendes Symbol der Erinnerung an etwas), das jedoch nur in einem "Traum an eine tote Welt" erinnert. Der Traum ist ein sehr vergängliches Symbol. Eine ähnliche Funktion ist dem "sterbenden Barden", als Überlieferer von Erinnerungen, Mythen und Legenden, inne.
Auf rhetorischer Seite würde sich sicher noch viel mehr finden lassen, hervorheben möchte ich an dieser Stelle nur noch die Alliteration "kalte Katakomben" und die Antithese "Hass und Liebe". Schwierig und kontrovers ist der Begriff "Missgeburt", den ich persönlich nicht verwenden würde und mit dem ich in diesem Zusammenhang gar nicht länger agieren will. Am ehesten würde ich die "Missgeburten" wieder auf das vorangegangene  "Kriechervolk" beziehen, theoretisch könnte man aber etwa auch eigene Gedanken, Pläne und Ideen, die man während des Lebens verwirft, hineininterpretieren.

Die kannten einen Weg ans Licht, obschon sie voller Schwärze
Der Taumel der Gefühle war der Hirte dieser Wege
Denn das Ziel all jener Reisen war ein Spiegelbild der Herzen
Verzweiflung und Verzückung waren untrennbar verworren
Der Widerspruch in allem schien sich selber zu verspotten
Die Gier, die Pein zu spüren, schrie in meinen heißen Schläfen
Und um unsere Fluchtburg schien ein Weltbild zu verrotten
In kalten Katakomben wuchsen gräuliche Visionen  
Und unter einem jungen Himmel starb ein alter Frieden
Und dennoch schien ein Zerrbild seiner selbst sich zu verhöhnen  
Und stürzte sich auf all die Missgeburten, die uns mieden  
So waren also Hass und Liebe untrennbar verbunden  
So war der Weg zu neuen Ufern nicht zu überschau'n  
So war doch dieser Weg der einz'ge Pfad, den wir verstanden
So spürten wir nicht ohne Qual des Lieben eis'ge Klauen
Und unvermittelt sah ich in den Spiegeln nur noch Schöpfer
Und Welten, die zuletzt ich in der Kinderstube sah
Der Zwiespalt zwischen Traum und Überleben schuf ein Chaos  
Das unter Schmerzen und doch lächelnd eine neue Welt gebar
Und so entstanden Worte, die auf taube Ohren stießen
Wie Artefarkte eines Traums in einer toten Welt  
Gesten, die dem blinden Mob wie zum Verzehr geboten  
Was, wenn der letzte Barde unrettbar im Disseits fällt...?



Waren die bisherigen Strophen noch relativ gut allgemein zu interpretieren, so wird es nun persönlicher:
"Desihras Tagebuch schreibt in meinem Herzblut". "Desihra" ist, laut Wikipedia, der frühere Name der Band. Die folgende Strophe handelt also von Erfahrungen der Band. Was nicht bedeutet, dass nicht schon das ganze Lied davon handelt, hier wird es lediglich explizit hervorgehoben...

Die folgende Strophe wartet plötzlich mit Puppenmetaphorik auf. Eine höchst spannende Sache, schreibe ich doch gerade eine Arbeit über exakt dieses Thema. Die Puppen schlagen meines Erachtens den Bogen zum tumben Kriechervolk der ersten Strophe, das sich kontrollieren lässt und nachahmt. "dämmriges, kränkelndes Licht" ist eine Metapher. Licht kränkelt nicht.
Die "lieblichen Kleidchen" stehen in meiner Interpretation für die Abhängigkeit und Anpassung innerhalb der Gesellschaft, für den Zwang gewisse Normen zu erfüllen. Gleichzeitig zittern und zucken die Puppen, sind schwach und fühlen sich in der Situation nicht wohl, können aber auch nicht ausbrechen. "Sieh nur die Augen, den Schmerz und die Angst". In ihrem Versuch die Norm zu erfüllen, "missklingen ihre Töne", enden in einer "Kakophonie". "Ein erschreckendes Bild, sich die Zeit zu versüßen" lässt sich von der sprachlichen Konstruktion her wieder auf zwei Arten deuten: Einerseits versuchen die Puppen sich die Zeit zu versüßen, indem sie sich anpassen, tanzen und ihre hübschen Kleidchen anziehen, dabei aber eigentlich leiden und daher ist das Bild erschreckend. Ein ziemlich gesellschaftskritischer Zugang und hierbei ist es egal, ob man Mainstream-Kultur oder schubladenglorifizierende Subkulturen vor sich hat.
Andererseits könnte man es auch schadenfroh deuten: Man versüßt sich die Zeit mit der Beobachtung willenloser, gefangenen Marionetten.

Bei meiner Gliederung folgt die vorletzte Strophe, die wieder mit der schon bekannten Gegensätzlichkeit von Veritas und Vanitas um sich wirft. "Süß sind die Früchte, doch faulten die Wurzeln Schon als voller Omen der Frühling begann. In den Ästen die Vögel mit eiskalten Augen Sie singen von nichts als dem Weltuntergang". Während das eine noch genossen wird, deutet das andere unweigerlich auf die Vergänglichkeit. 

Und schließlich folgt die letzte Strophe. (Das freut mich, sitze ich doch schon wieder über fünf Stunden an diesem Blogeintrag - Nur so am Rande.) Diese letzte Strophe überfordert mich gleich zu Beginn: "So bringt uns die goldenen Äpfel, denn die, an die der Norden glaubt. Sind fabelhafte Gärtner,... obschon uns vor dem "Ewig" graut". Der Apfel als Frucht ist sicher wieder ein Symbol für Leben, gleichzeitig aus christlicher Sicht auch Schlüsselelement im Fall der Menschheit, der uns schlussendlich, nach biblischer Mythologie, überhaupt erst zum Sterben verdammt. Wer die sind, an die der Norden glaubt, die auch noch fabelhafte Gärtner sein sollen, ist mir nicht klar. Der Norden könnte eventuell von der christlichen Mythologie in die nordische Götter- und Heldenwelt weisen. Nun plötzlich graut uns (uns etwa auch?) aber auch vor dem "Ewigen", egal in welcher Tradition wir uns  bewegen, egal ob wir dieses "Ewig" nun als vor oder nach dem Tod interpretieren, als ewiges Leben, oder ewiges Ausgelöscht-Sein, es ist eine furchteinflößende, gewaltig riesige Konstante.    
"Doch nichts ist mehr so, wie es einstmals war" ist ein mittlerweile schon bekannter Perspektivenwechsel in die Vergangenheit, die Feststellung der Veränderung, aber auch wieder eindeutig das Vergänglichkeitsmotiv. Nichts ist mehr wie es war. "Die Früchte, die brachten, wonach alle trachten. Sind schön, doch schon lange verdorben"  zeigt wieder die Dichotomie aus Veritas und Vanitas, das gewünschte Freudige und die unausweichliche Vergänglichkeit. Es folgt eine wahre Überraschung, mit der ich absolut nicht gerechnet hätte. Das depressive Hin und Her aus Freude und Schmerz, Leben und Tod wandelt sich zu einem Happy End. All die dunklen Gedanken enden mit einer positiven Grundstimmung, die Hoffnung auf die Zukunft ist bei aller Vergänglichkeit noch präsent! "Das Morgen ist noch nicht verloren". Ein sehr schöner, wichtiger und hoffnungsvoller Gedanke.
Und dann folgt  noch die Titel gebende Zeile "und Pan spielt die Flöte". Pan, vermutlich in der Populärkultur vor allem durch den großartigen Film "Pans Labyrinth" bekannt, ist ein griechisches Fabelwesen, das je nach Legende entweder von Hermes und der Nymphe Dryops, Zeus und der Nymphe Kallisto oder Hybris oder Kronos und der Nymphe Amaltheia abstammt. Pan ist der Hirtengott, Gott über Wald, Feld und Natur und er spielt gerne Flöte. Dazu erzählt Wikipedia:

"Die Legende der Panflöte: Pan verfolgte liebestrunken die Nymphe Syrinx, welche aber vor ihm floh. Ihre Flucht endete jäh am Fluss Ladon, wo sie sich plötzlich in ein Schilfrohr verwandelte, das Pan daraufhin umarmte. Als nun der Wind in das Rohr blies [sic] kamen klagende Töne hervor. Pan wollte die Klänge nicht verlieren, also brach er aus dem Schilfrohr sieben Teile, eines immer etwas kürzer als das vorherige, und band sie zusammen. So erfand er die Hirtenflöte und benannte sie nach der Verwandelten."

Spannend ist, was der arme Pan dann während der christlichen Regentschaft erleiden musste, wurden seine positiven Aspekte doch einfach gestrichen und seine Hörner und Ziegenfüße dem Teufel vererbt. Was bedeutet das für die Interpretation? Einerseits kann Pan die Naturverbundenheit darstellen, andererseits kann man ihn natürlich auch mit dem christlichen Teufel assoziieren. Mir persönlich gefällt der Gedanke, dass er in diesem Lied Gleichgültigkeit symbolisiert. Knapp 15 Minuten war das Lied ein Spiel und Geflecht aus Gegensätzen und die letzte Zeile meint, was auch immer passiert und vor sich geht, Pan sitzt auf seinem Stein und spielt die Flöte. Um eine andere Metapher zu verwenden: Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter. Die Menschen inszenieren sich gerne als unglaublich wichtig und als Krone der Schöpfung, dem gegenüber steht Pan frei und gelassen und spielt seine Flöte. Eine Conclusio, die meines Erachtens auch einen gelungenen Abschluss zum Vor- und Zurück-Blicken im Leben bietet, wie es in dem Lied dargestellt wird.



Weit fort von den Zinnen verblendeten Lärms  
Dort draußen, weit hinter den Toren
Liegt fast unerreichbar das Land, das wir suchten
Das "Morgen" ist noch nicht verloren

...und Pan spielt die Flöte!








[Off Topic] Die Geburt eines neuen Blogs!

Liebe Internetgemeinde!

Während dieser Blog hier zielstrebig seinem 5000. Besucher zustrebt, habe ich den gestrigen Tag, welcher durch die Veröffentlichung der neuen "Geist" - die jetzt "Eis" heißen - Platte "Wetterkreuz", einer der großartigsten deutschen Bands, die es so gibt und die ihr selbstverständlich aus meinem Blogeintrag zu  Geists "Unter toten Kapitänen" kennen solltet, geradezu als Feiertag bezeichnet werden muss, dazu auserkoren, einen neuen Blog hervor zu bringen!
Die Idee dahinter ist diesem Blog nicht unähnlich und quasi direkt an der Front entstanden.
Kurz: Ich stand in einem fremden Land, bemühte mich einer Studentin die deutsche Sprache in ihren grundsätzlichsten Basics näher zu bringen, als selbige mich fragte, was denn eigentlich "du hast" bedeutet?
Mein Herz frohlockte, sah ich es doch als Bestätigung meiner These, dass hinter Rammstein Texten nicht zu verachtende didaktische Möglichkeiten liegen.
Da wir fortan sehr viel Spass mit dem Übersetzen diverser Rammstein Texte hatten, soll nun dieser neue Blog einfach dazu dienen deutschsprachige Songtexte in die englische Sprache zu übersetzen.
Mir ist klar, dass es unzählige Websites gibt, die Lyrics listen und selbige oftmals auch vom Deutschen ins Englische übersetzt haben, jedoch gehen oftmals feine Wortspiele verloren und generell könnte man zusätzliche Informationen liefern, die vielleicht nicht immer ganz ersichtlich sind, aber für Interessierte durchaus spannend sein können. Desweiteren möchte ich generell auf deutsche Medien eingehen, unter anderem auch gute deutschsprachige Filme vorstellen und wer weiß? Vielleicht ja sogar mal einen Originaltext eines Goethe oder Schillers erwähnen. Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.
Da ich kein Student der Anglistik bin, hoffe ich, dass ich gut genug mit der englischen Sprache jonglieren kann, um meine Anliegen halbwegs gut übersetzen und umsetzen zu können. 

Abschließend:
  • Anlässlich des baldigen 5000. Views hier sammle ich noch immer Mut um mich an das Mammut-Projekt "Nocte Obducta - Und Pan spielt die Flöte" zu wagen. Da ich das Lied absolut großartig finde, wäre es mir ein großes Anliegen selbiges hier zu präsentieren. Sieht man sich jedoch die Lyrics gepaart mit der Länge des Songs (15 Minuten) an, so wird man mir zustimmen müssen, dass sich diese Festung nicht so leicht einnehmen lässt. Dennoch bereite ich mich schon länger seelisch darauf vor und freu mich schon. Es wird kommen. Wenn ich nicht kleinlaut aufgebe ;-)
  • Auch das neue "Eis" Abenteuer "Wetterkreuz" klingt über jeden Zweifel erhaben und ist seinem Vorgänger "Galeere" ein absolut würdiger Nachfolger. Sehr gern würde ich auch eines der Lieder von diesem Album hier interpretieren, aber ich bleibe noch bei meiner Philosophie vorläufig nur ein Lied pro Band zu analysieren. Der einfache Grund ist, dass es genügend andere deutsche Musik gibt und ich mich in diesem Blog nicht auf eine spezifische Richtung oder Band fixieren will, sondern ein möglichst breites Spektrum an deutscher Musik präsentieren möchte.

So far, herzlichsten Dank für knapp 5000 Blogaufrufe und gute Nacht!
 

Samstag, 28. Juli 2012

Die Ärzte - M&F

Einen guten Morgen wünsch ich den digitalen Weiten!

Sachen gibts, die gibts gar nicht. Zum Beispiel eine Ärzte-Nummer, die mir gefällt. Um hier kurz meine Abneigung über die Ärzte ein bisschen genauer auszuführen: textlich schätze ich ihre "Operationen" (...das ist jetzt eine Metapher für Lieder... weil der Bandname "die Ärzte" ist... klar? versteht ihr?)  durchaus und ihre Botschaften sind oftmals gelungen, wichtig und pädagogisch wertvoll. Ich denke beispielsweise an dieses Lied hier. Wer eine Dorfgemeinschaft kennt, weiß, was ich meine. Die Melodien, die ihre Texte untermalen, gefallen mir jedoch oftmals nicht, sind nach unzähligen Partys bis zur Unendlichkeit satt gehört und klingen, rein subjektiv gesprochen, oftmals als ob jemand eine Ukulele auf einem Raststädtenklo vergewaltigt. 
"Ist mir zu popig", meinte eine Freundin dazu und vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich dieses Lied, nach seiner gestrigen zufälligen Entdeckung, ganz gerne mag. Darüber hinaus finde ich auch das Musikvideo ganz amüsant.

Video:



Lyrics:

Man sieht sie gern am Wochenende
Sportlich moderne Herren mit heißem Blick
Sie zerren frisch gestrichene Damen
Auf die Tanzflächen der Republik

Das Balzverhalten erwachsener Menschen
Ist interessanter als so mancher glaubt
Von Brusthaartoupet bis Botoxmaske
Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt!

Männer und Frauen sind das nackte Grauen
Wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen
Und die Frauen anderen Frauen ihre Männer klauen
Und die Männer an den Frauen ihren Frust abbauen
Denn Männern und Frauen ist zuzutrauen  
Das sie sich gegenseitig gerne die Nacht versauen
Wenn sie schmachten bis zum Morgengrauen
Und dann doch wieder allein nach Haus abhauen

Sie liegen schon Mittags in den Büschen
Nachts kann man kaum noch durch den Stadtpark gehen
Romantische Schwärmer nennen es Liebe "ich würde sagen"  
Hier kann man Hormone bei der Arbeit sehen

Und wenn sie die Beleuchtung dimmen  
Eine Nation im Stangenfieber  
Im Frühling ist´s besonders schlimm
Darum ist mir der Winter einfach lieber

Denn Männer und Frauen sind das nackte Grauen
Wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen
Und die Frauen anderen Frauen ihre Männer klauen
Und die Männer sowieso nur "Häuser" bauen
Manche Männer lieben Männer, Manche Frauen eben Frauen
Da gibt's nichts zu bedauern und nichts zu stauen
Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen
Doch die meisten werden sich das niemals trauen


Rhetorisches und so:
Der Aufbau hat mir gewisse Schwierigkeiten bereitet, man hätte das Ganze zwecks der Übersicht wohl auch in vierzeilige Strophen gliedern können, jedoch scheint mir der Refrain semantisch zusammengehörig, weshalb ich ihn zusammen geschrieben habe. Die ersten beiden Strophen reimen sich nach dem Schema "abcb". Der darauf folgende erste Refrain ist im sauberen Endreim gehalten, genauer sogar ein Haufenreim. Es folgen wieder zwei "abcb" Strophen und zum Abschluss folgt ein weiterer Refrain im Haufenreim. Spannend finde ich, dass sich der Refrain auch inhaltlich ändert.
Die erste Strophe trumpft schon mit einer Alliteration "sieht sie" auf. Eines der beiden Adjektive  in "sportlich moderne Herren" könnte man unter Umständen als Epitheton Ornans (schmückendes Beiwort) bezeichnen. "Heißer Blick" ist eine tote Metapher. Eine ganz wundervolle Metapher folgt in der nächsten Zeile: "frisch gestrichene Frauen" für stark geschminkte Frauen. In der letzten Zeile halte ich die "Republik" einfach für eine Verallgemeinerung. Paradigmatisch könnte man die Republik gut durch "überall", "im ganzen Land" etc. ersetzen.
Die zweite Strophe bietet vergleichsweise wenig Spannendes, lediglich das Sprichwort in der letzten Zeile "Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt".
Im zweiten Refrain macht die Wiederholung der Wortgruppe "Männer und Frauen" auf sich aufmerskam. Man kann von einer Repetitio sprechen. Eine Metapher ist "Männer und Frauen sind das nackte Grauen", eine tote Metapher ist "tief in die Augen schauen". Lustig finde ich in diesem Refrain auch die Doppeldeutigkeit: "versauen" ist hier zwar negativ im Sinne von "etwas nicht erreichen" gemeint, meines Erachtens schwingt aber auch das Konnotat "versaut" mit. Auch die Tageszeiten kommen als Motiv vor, die später wieder aufgegriffen werden.
In der folgenden Strophe findet sich die nächste Doppeldeutigkeit: "In den Büschen liegen" könnte natürlich auf sexuelle Handlungen hindeuten, andererseits bedeutet es aber auch "lauern, warten". Als Evidenz würde ich "mittags in den Büschen, abends im Park - Liebe/Hormone" sehen. Der Gedankengang es sei "Hormontreiben" wird durch die Aufzählung der beiden Tageszeitenbeispiele erklärt. "Romantische Schwärmer nennen es Liebe, ich würde sagen hier kann man Hormone bei der Arbeit sehen" ist Zynismus, vielleicht sogar Sarkasmus. Das "Romantisch" der Schwärmer ist ist übrigens wieder ein Epitheton Ornans, also ein schmückendes Beiwort.
In der nächsten Strophe findet sich ein sehr romantisch konnotiertes Bild: "Die Beleuchtung dimmen".
"Nation" ist wie schon "Republik" eher als Verallgemeinerung, denn als tatsächliche rechtsstaatliche Bezeichnung zu sehen. "Stangenfieber" ist offenbar ein Synonym für "notgeil" oder einen erigierten Penis. Möglich, höre ich hier zum ersten Mal. Die Tageszeiten werden hier interessanterweise durch Jahreszeiten "Frühling" und "Winter" ersetzt.
Die beste vielleicht nicht, zweifellos aber
aber die bescheidenste Band der Welt!
Im zweiten Refrain wird das "nach Haus" des erstens Refrains mit "Häuser bauen" wieder aufgegriffen. "so normal wie Kaugummi kauen" ist ein Vergleich.

Inhalt:
Soweit sich mir ein noch viel tieferer, brillianterer Sinn nicht verschließt, geht es in diesem Lied zunächst um die Beziehung zwischen Männern und Frauen. Ich meine mit Beziehung weniger eine Beziehung im Sinne von "zusammen sein" sondern mehr im Sinne von "aufeinander einwirken". Es geht darum, wie verrückt und absurd sich Menschen im Hormonrausch oder Liebestaumel verhalten, jeder der schonmal so richtig verliebt war, wird sich bewusst sein, dass die Rationalität plötzlich egal ist und man von einer Dummheit in die Nächste wankt. Andererseits zeigt das Lied aber auch, wie verletzbar dieser Rausch machen kann. (Selbst die besten Blogautoren sind davor nicht gefeit!)

Betrachtet man das Lied über die fallenden Worte "Nation" und "Republik" könnte man aber auch die allgemeine Übersexualisierung der Gesellschaft hinein interpretieren. Alles und jeder muss immer und überall geil sein, an jeder Ecke, in jeder Werbung werden wir daran erinnert, dass das höchste und wichtigste Ziel der nächste Stich ist. Die ganze Welt läuft mit "Stangenfieber" herum und geht dann doch "allein nach Hause". Das könnte man, wenn man so will, dahingehend interpretieren, dass das vielleicht doch nicht  das erstrebenswerteste Ziel ist. Oder etwa auch, dass diese vorgezeigten Ziele für die meisten Menschen nicht erreichbar, ja schlicht nicht real, sind.
Wie auch immer man diese Zeilen interpretieren mag, am Schluss folgt die wertvolle Botschaft, dass Homosexualität normal ist und die Leute das endlich akzeptieren sollten. Ansich eine gute Botschaft, obwohl ich sie in diesem Lied, so in den letzten zwei Zeilen, ein bisschen hektisch finde. Quasi auf den letzten Drücker: "achja, übrigens... worauf wir hinaus wollten... eine Ladung Sozialkritik haben wir auch noch dabei!"
Ich finde das Lied sowohl textlich als auch musikalisch ganz fetzig, es betrifft wohl so ziemlich jeden Menschen, denn vor den emotionalen Achterbahnfahrten mit dem anderen Geschlecht (oder auch mit demselben) ist wohl niemand verschont und früher oder später wird jeder Mensch solcherlei Erfahrungen machen. Das Lied erreicht somit eine ziemliche Allgemeingültigkeit.
Abschließend sei noch, auf Grund großer inhaltlicher Parallelen, auf ein ähnliches Lied der amüsanten deutschen Band "Knorkator" hingewiesen: alter Mann.
Wer weiß, vielleicht werd ich auf meine alten Tage ja doch noch Ärzte-Fan?




Sonntag, 22. Juli 2012

Blumio - Hey, Mr. Nazi

Hey weltweites Netz, long time no see!

Traurigerweise hat mich der Uni-Alltag daran gehindert hier fleißig zu posten und obwohl nun Sommerferien sind, hält sich die Zeit für einen Blogeintrag (welcher doch immer sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, als ich ursprünglich plane) dank meiner derzeitigen Ferial-Arbeit auch eher in Grenzen. Ich hoffe, ich kann in den restlichen Sommerferien noch den einen oder anderen Eintrag verfassen, bevor der Uniwahnsinn im Herbst wieder über die jetzt so friedlich sommerliche Welt herein bricht.
Im letzten Eintrag gab es bösen Paganmetal, weshalb ich nun, zwecks der Abwechslung, mit Hip Hop kommen möchte. Deutschem Hip Hop, um genau zu sein. 
Zwar bin ich üblicherweise sehr nett, weltoffen und tolerant gegenüber allem und jedem, aber ich muss zugeben, dass es mir bei deutschem Hip Hop und seinen Gangster-Abszessen schon mal schnell den Magen umdreht. Wieso? In allererster Linie, weil ich ihn für eine überzeichnete Glorifizierung von Bildungsmangel halte. Früher oder später werde ich in diesem Blog, rein wegen des Spasses, sicherlich auch eine Koryphäe aus dieser musikalischen Spielart analysieren, bis dahin sei erwähnt: Es gibt auch ziemlich guten deutschen Hip Hop, sei es nun auf sprachlicher oder inhaltlicher Ebene.
Das heutige Lied finde ich rhetorisch wenig spannend, den Inhalt dafür umso wichtiger: Es sagt uns, dass man nicht so einfach schwarz-weiß malen sollte, wie ich es im obigen Absatz gerade getan habe und daher Vorhang auf für Blumio in seiner ganzen Weisheit:

Video:



Lyrics:


Hey, Mr.Nazi.
Müsste ein Wörtchen mit dir reden, bitte, hör mir zu. Yeah  
Sieh mich an, was siehst du in mir?
Nur einen kleinen Ausländer, der so riecht wie ein Tier?  
Ein dummer Schlitzauge, ein Scheiß-Reisfresser?
Den man im besten Falle gleich einäschert?
Bitte sag’s mir, denn ich will wissen, was du denkst.
Denn es ist mein Wille, dass du jetzt das Richtige erkennst.  
Ich stink’ nämlich gar nicht, ich dusch mich jeden Tag.
Mann, würd’ ich stinken, dann blitz ich doch bei den Mädels ab.  
Und nein, ich will auch nicht nur Reis fressen.
Manchmal will ich auch ne Bockwurst in ’n Senfglas reinstecken. "Mhh, lecker!"
Und dann genüsslich verschlingen. Das hätteste nicht gedacht. 
Siehste, jetzt hab ich in deine Welt etwas Licht gebracht.
Ich greif dich nicht an, ich reich dir die Hand.
Bitte hör’ auf meine Worte, saug sie ein wie ein Schwamm. "slrp"  
Denn es ist leicht zu sagen ’Nazis Raus’.
Doch jeder Mensch kann sich verändern, ich glaub, Nazis auch. 

Und ich sag: Hey, Mr.Nazi, komm’ auf meine Party.
Ich stell’ dir meine Freunde vor!
Das hier sind: Juspé und Kati,
Thorsten und Nefatih, wir haben den selben Humor.
Und wir sagen: Hey, Mr.Nazi komm’ auf meine Party,  
ich zeig dir meine Kultur.
Das hier sind Sushi und Technik, Mangas und Origami,
ich kenn’ das seit meiner Geburt.

Kennst du das Gefühl, wenn ein Mensch dich verletzt,
weil ein Mensch dich verletzt, obwohl du kämpfst bis zuletzt.
Oder, das Gefühl, wenn dir was Gutes passiert,
du für kurze Zeit die Sorgen um die Zukunft verlierst.
Oder, wenn du verliebt bist. Ich brauch’ es nicht mal selbst zu sagen.
Das Gefühl, als könntest du die ganze Welt umarmen.
Ich weiß, du kennst es auch, wir sind nicht komplett verschieden.  
Doch du trittst auf den Mann ein und lässt ihn liegen.
Und das Schlimmste daran, er war Familienvater.
Und nun herrscht bei ihm zu Hause ein Riesen-Drama.
Die Tochter verstehts nicht, drum fragt sie jeden Tag:
"Mama, sag’s mir doch, warum ist denn der Papa nicht mehr da. Er hat aber versprochen, er kauft mir neue Schwimmflügel. Und dass wir Picknick machen gehen, bei den Windmühlen."  
Später wird sie verstehen, was das alles heißt.
Doch jetzt steht sie nur da und sieht, wie Mama weint.

Hey, Mr.Nazi, komm’ auf meine Party.
Ich stell’ dir meine Freunde vor!
Das hier sind: Juspé und Kati,
Thorsten und Nefatih, wir haben den selben Humor.
Und wir sagen: Hey, Mr.Nazi komm’ auf meine Party,  
ich zeig dir meine Kultur.
Das hier sind Sushi und Technik,
Mangas und Origami,
ich kenn’ das seit meiner Geburt.

Es ist nicht leicht, sich mit Einsamkeit herumzuschlagen. "Nope!"  
Jeder Mensch will doch Gleichgesinnte um sich haben. "Oder?"  
Und ehe du dich versiehst, bist du im Freundeskreis,
in dem man mit dem Finger auf andershäutige Leute zeigt.
Und das kann schnell gehen, das ist keine Lüge,
die meisten Menschen haben irgendwo rassistische Züge.
Ich seh’ rassistische Lehrer und rassistische Hauptmänner, "Steh’n bleiben!"
Rassistische Deutsche und rassistische Ausländer.
Und früher war ich selbst ’n kleiner Rassist,
und sowas kommt von mir, seht ihr jetzt, wie einfach das ist?  
Ja, ich weiß, ihr hört mich immer sagen, Japse hin und her, "Japse, Japse"  
Doch im Grunde ist mir das scheißegal, ich bin nur ’n netter Kerl.  
Und jetzt verleih’ ich diesen Worten meine Kraft,
und so leg’ ich heute alle meine Vorurteile ab.
Du sagst, ich seh’ das mit den Vorurteilen viel zu krass,  
doch genau die sind der Ursprung für Krieg und Hass.  
Und wir sagen:

Hey, Mr.Nazi, komm’ auf meine Party.
Ich stell’ dir meine Freunde vor!
Das hier sind: Juspé und Kati,
Thorsten und Nefatih, wir haben den selben Humor.
Und wir sagen: Hey, Mr.Nazi komm’ auf meine Party,  
ich zeig dir meine Kultur.
Das hier sind Sushi und Technik,
Mangas und Origami,
ich kenn’ das seit meiner Geburt.


Stilistisches etc.:
Das Lied besteht aus drei Strophen, auf die drei Mal der selbe Refrain folgt. 
Die Zeilen enden jeweils in, vielleicht nicht immer ganz reinen, Endreimen. Auffällig sind zusätzliche Kommentare, die den eigentlichen Inhalt des Textes unterstreichen und teils auch ein bisschen den Inhalt ins Lächerliche ziehen. "Mhhm, lecker" und "Steh'n bleiben" sind Beispiele hierfür.
Sofort ins Ohr springt auch die Verwendung des Dialekts (oder Soziolekts? Hierfür müsste man sich mit deutschen Varietäten besser auskennen). Eines von vielen Beispielen hierfür wäre "will ich auch ne Bockwurst in ’n Senfglas reinstecken". Auch habe ich den Eindruck, dass gelegentlich das "CH" zu einem "SCH" wird. Man verzeihe mir an dieser Stelle meinen Dilettantismus, aber nichts liegt mir ferner als nun phonologisch und phonetisch zu arbeiten, daher ist dieses Thema an dieser Stelle für mich auch abgeschlossen.
Wirklich großartige rhetorische Figuren und Stilmittel springen einem nicht sofort ins Auge, jedoch fallen bei genauerer Betrachtung schon einige Dinge auf. Etwa die Alliteration: "du denkst. (nächste Zeile) Denn...". Der folgende Satz wird eingeleitet durch einen Ausruf (Exclamatio) und ist des weiteren ein Exemplum, also ein verdeutlichendes Beispiel: "Mann, würd ich stinken, dann blitz ich doch bei den Mädls ab...". Ebenfalls ein Exemplum ist "Manchmal will ich auch ne Bockwurst in ’n Senfglas reinstecken.", auf welches sofort Onomatopoesie folgt:  "Mhh, lecker!" Eine tote Metapher ist "Licht in die Welt bringen" und ein Vergleich ist "saug sie ein wie ein Schwamm".
"Mister" ist natürlich ein Anglizismus. Im Refrain werden die Worte "Sushi", "Technik", "Mangas" und "Origami" als Metonymie für die japanische Kultur verwendet. Wobei hier schon erwähnt werden muss, dass die japanische Kultur, bei allen guten Bestrebungen des Liedes, hier sehr auf Stereotypen reduziert wird. Sushi sollte im westlichen Raum mittlerweile bekannt sein, Technik referiert auf diverse japanische Elektronikhersteller, Manga sind japanische Comics und Origami ist die Kunst des Papier-Faltens.
In der zweiten Strophe finde ich sehr spannend, dass ein langes Exemplum bei der dramatischen Climax die Strophe unterbricht: "Mama, sag’s mir doch, warum ist denn der Papa nicht mehr da. Er hat aber versprochen, er kauft mir neue Schwimmflügel. Und dass wir Picknick machen gehen, bei den Windmühlen.
In der dritten Strophe folgt eine Enumeratio, eine Aufzählung: "rassistische Lehrer, rassistische Hauptmänner, rassistische Deutsche, rassistische Ausländer". Und zum Schluss folgt noch ein kleiner Vulgarismus "scheißegal".

Inhalt:
Das Lied erklärt sich von selbst, schickt seine Botschaft meines Erachtens aber sehr geschickt, indem es mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen aufzeigt. Blumio, als japanisch stämmiger Deutscher, stellt sich selbst offen und bereitwillig als Projektionsfläche zur Verfügung. Dabei scheut er sich nicht, auch von früheren  rassistischen Tendenzen in sich selbst zu erzählen. Das nützt er dazu um das Gemeinsame hervor zu heben, wie er etwa auch humorvoll erwähnt, dass er keine Chancen bei Frauen hätte, würde er tatsächlich stinken. Er spricht den "Mr. Nazi" zwar als solchen an, stellt aber eine Verbindung von Mensch zu Mensch her, indem er davon ausgeht, dass auch "Mr. Nazi" liebesfähig ist und sein Verletztsein spürt. "Oder wenn du verliebt bist, ich brauch es nicht mal selbst zu sagen, das Gefühl, als könntest du die ganze Welt umarmen". Hier findet ein geschickter Perspektivenwechsel statt: Hat Blumio bisher hauptsächlich von sich selbst gesprochen, so spricht er nun vom "du", das die ganze Welt umarmen kann. Auch der Satz "ich weiß, du kennst es auch, wir sind nicht komplett verschieden" stellt Verbindung und Verständigung her und erst danach folgt die Kritik "doch du trittst auf den Mann ein und lässt ihn liegen".
Erst nachdem er Verständnis für den "Mr. Nazi" ausgedrückt und so Verständigung hergestellt hat, drückt er das Trennende aus. Nun versucht er bei "Mr. Nazi" Verständnis für den ermordeten Mann herzustellen, indem er die Geschichte der Witwe und der hinterbliebenen Waise erzählt. Blumio enthält sich eines expliziten Urteils und spricht stattdessen im Refrain noch einmal die Einladung aus, auf die Party zu kommen.
Auch in der letzten Strophe drückt er Verständnis aus, indem er als Motiv für Rassismus die Einsamkeit vermutet. Er bringt sich wieder selbst ins Spiel, indem er sich von seinem früheren Rassismus distanziert und als Japaner selbst mit dem abwertenden Wort "Japse" spielt. Das ist bewusst politisch unkorrekt und eine versteckte Einladung nicht jedes Wort auf die Waagschale zu legen. Dennoch warnt er eindringlich vor Vorurteilen, die er als Ursprung für Krieg und Hass sieht. Das Lied endet im Refrain mit der Einladung auf die Party mit Menschen verschiedener Herkunft zu kommen.
Bei allen lobenswerten Aspekten des Liedes, finde ich es spannend, dass Blumio aber auch mit vielen Stereotypen arbeitet, was nicht weiter dramatisch ist, wenn man sich die Größe und Komplexität des Themas vor Augen hält. Er greift damit auch das Stilmittel der Stereotypisierung auf und bewegt sich dadurch quasi in ihrem Terrain der angesprochenen Gruppe.
"Hey Mr. Nazi" ist auch kein Einzelfall, Blumio nimmt sich des Öfteren solch gesellschaftskritischer Themen an, wie etwa in "Die Welt ist schwul" und "Antigewaltsong". Das ernster inszenierte "Wir träumen gemeinsam von besseren Tagen" ist dem Song "Hey Mr. Nazi" nicht so unähnlich.
Blumios Botschaften laden jeden zum Nachdenken ein. Er vertritt hohe moralische Werte, moralisiert dabei aber nicht.
Blumios Musik spricht mich nicht so an, wie seine Texte, diese jedoch halte ich für  eine großartige und lobenswerte Ausnahme, nicht nur im Hip Hop, sondern in der gesamten Musikwelt.

Samstag, 17. März 2012

Black Messiah - Windloni

 Grüß dich Internetz!

Vor noch zwei Wochen war mein Ziel mit dem letzten Eintrag über die aktuelle und skandalträchtige Trackshittaz-Nummer Woki mit deim Popo  20 Clicks zu erreichen um von 981 endlich über 1000 Views zu kommen. Das hat erstaunlich gut funktioniert, die View-Zahlen sind in der letzen Woche geradezu explodiert und nun steh ich bei über 1900. Das mag für kommerzielle Blogs nichtig sein, für mich ist es jedoch der absolute Wahnsinn. Ein herzliches Danke an jeden Leser, jeden Sharer (besonders Havas und den Twitter-Herrn vom ORF) und für jedes verfasste Comment! Und in gewisserweise geht der Dank auch an die Trackshittaz, die schließlich die Primärliteratur geliefert haben.
Allerdings warf der unerwartete Erfolg auch die Frage auf, ob ich mich auf solche "Hits" spezialisieren soll, um die "Einschaltquoten" hier weiter klettern zu lassen?
Da ich zum einen jedoch keinen kommerziellen Erfolg davon hätte und ich auch meiner Linie treu bleiben will, ein möglichst breites Spektrum an Genres durchzunehmen – Wir sind hier schließlich keine Musik-Nazis, sondern weltoffen, tolerant und großherzig – geht es diesmal, auf die Gefahr hin wieder nur 30 Clicks zu bekommen, in eine ganz andere Richtung. Vorhang auf für Black Messiah und ihre neueste Nummer "Windloni"!

Video:




Lyrics:


Ich bin der Eiswind,
Windloni werd ich genannt,
mit eisiger Kraft
zieh ich übers Land
In den Tagen von Schnee und Eis
liegt die Natur ganz in weiß
in meiner Hand
ein kaltes totes Land

Meine Herrschaft beiderseits
wird für Menschen Qual und Leid
sorgt für Kälte, Hungernot
und bringt oftmals auch den Tod
Doch am Ende steht mein Wort
Ich verlasse diesen Ort
lasse Zeit für neues Leben
um Erneuerung zu geben

Wie ein Wolf ohne Gnade
so jage ich auf meinem Pfade
nach dem Rest allen Lebens
um je nach Vernichtung zu streben

Eis, Frost und Schnee
über Felder, Berg und See
sind die Boten meiner Macht
haben den Winter angefacht
ich bin der Reichswind
Windloni werd ich genannt
Mit eisiger Kraft
zieh ich übers Land

Wie ein Wolf ohne Gnade
so jage ich auf meinem Pfade
nach dem Rest allen Lebens
um je nach Vernichtung zu streben

Stilistisches etc.

Aufgebaut ist das Ganze in 3 Strophen, nach den ersten beiden folgt der Refrain, nach der dritten ertönt ebenfalls nochmal Refrain. Die Strophen bestehen aus jeweils acht Zeilen, der Refrain aus vier, jeweils zwei Paarreimen.
Schon in den ersten beiden Zeilen findet sich eine schöne Anadiplose samt Alliteration: Die erste Zeile endet mit "(Eis)Wind", die zweite Zeile beginnt mit "Wind(loni)" und geht noch mit "werd" weiter. Als Alliteration haben wir also drei aufeinander folgende "Ws" und als Anadiplose die Wiederholung des letzten Wortes der ersten Zeile zu Beginn der zweiten Zeile. "Von Eis und Schnee", eine Anhäufung artverwandter Wörter ist eine Accumulation. Selbiges gilt auch für "Qual und Leid" in der zweiten Strophe.
Im Refrain befindet sich ein Vergleich. Windloni vergleicht sich mit einem Wolf: "Wie ein Wolf". Wichtig ist das "wie" bei einem Vergleich, andernfalls würde es sich um eine Metapher (oder unter Umständen einen ihrer Artverwandten) handeln.
Die dritte Strophe überhäuft uns ebenfalls wieder mit Accumulationen. In der ersten Zeile: "Frost, Wind und Schnee" und in der zweiten Zeile "Felder, Berg und See".

Inhalt:
Um gleich einleitend und möglichst kurz den unleidigen Teil zu erledigen, eine kurze und polemische Einführung in Viking- und oder Pagan-Metal. Viking bezieht sich im großen und ganzen eigentlich auf den Text, wenn von Wikingern die Rede ist = Viking. Es geht hier also nicht um eine bestimmte Musikrichtung, sondern lediglich um den Inhalt. Würde Lady Gaga  über Wikinger singen, wäre es technisch gesehen vermutlich Viking-Electro-Pop. Im Viking-Metal wird die Vergangenheit zerlegt und pathetisch neu konstruiert, häufige Themen sind die bösen Christen, die den ehrenhaften Wikingern ihren Glauben und ihre Lebensweise stahlen, nordische Götter und Heldensagen und Wikinger, die heldenhaft vor sich hin plündern. Bekannte Vertreter dieses Genres wären etwa Amon Amarth (hier in der Live-Version, zum einen weil das Originalvideo ziemlich öd ist, zum anderen weil man lustige Wikinger auf der Bühne sieht, die verkleidet aufeinander einprügeln - was schon ziemlich "viking" ist) oder Turisas (mit einem wirklich schönen und ruhigen Lied, damit die ganzen Anti-Metal-Menschen da draußen nicht weinen müssen). Pagan-Metal, Viking-Metal oder auch Folk-Metal sind relativ verschwimmende Grenzen, wobei es sicherlich Genre-Fetischisten gibt, die sich hier auf Diskussionen einlassen würden. Gefährlich beim Pagan-Metal ist eine Vereinigung von rechtsradikalen Black Metal Bands, die sich Pagan-Front nennt. Nur weil es diesen Haufen gibt, heißt das jedoch nicht, dass jede Pagan-Band automatisch rechtsradikal ist. Und darauf wollte ich mit meiner kleinen Einleitung hinaus: Im deutschsprachigen Raum muss einfach, wenn über Bands dieses Genres gesprochen wird, klar gestellt werden, ob es sich um braunes Gemüse handelt oder eben nicht.  So werde ich auch diese unleidige Frage auf Black Messiah anwenden und lasse sie selbst antworten. Genaueres dazu findet man auf Wikipedia:


„Gegen den Artikel haben wir allergisch reagiert. Wer uns kennt, weiß, was wir von Nazis halten. Ich habe keine Lust, mich mit diesen gehirnamputierten Idioten vergleichen zu lassen. Das sind Verbrecher.“ – Zagan in einem Interview mit dem Online-Musikmagazin The-Pit.de"

Damit fällt auch ein rechtsradikaler Interpretationsansatz, der  "Vernichtung" und "neues Leben" auf eine unschöne Zeit vor rund 70 Jahren deuten würde, aus. Diese Thematik sei damit abgeschlossen.
Wer Windloni ist, wusste ich peinlicherweise nicht, obwohl ich letztes Semester in einer Vorlesung über die Edda saß. Ich lasse auch hier wieder die Band selbst antworten. Diesmal handelt es sich um ein Youtube-Comment, welches sich irgendwo unter obigem Windloni-Musikvideo findet:

Hi, etwas weiter unten hat´s aataensic1 mal beantwortet, Windloni ist aus der Edda entnommen ich
zitiere mal "Swasud heißt der Vater des Sommers; der ist so wonnig, daß nach seinem Namen alles süß heißt, was milde ist. Aber der Vater des Winters heißt bald Windloni (Windbringer), bald Windswal (Windkühl), und dieses Geschlecht ist grimmig und kaltherzig und der Winter artet ihm nach."

Die Edda ist ein spannendes altisländisches Werk, in dem beispielsweise auch die isländischen Verwandten der "Nibelungensage" zu finden sind. Dabei darf man bei allem Viking-Pathos aber nicht vergessen, dass die Edda bereits in einem christianisierten Umfeld verfasst wurde. An alle bösen Internet-Wikinger da draußen, die sich in Kommentaren lächerlich machen, sei an dieser Stelle gesagt: So böse das Christentum ist - ohne Christentum gäbe es kaum Stoff, über den die bösen Viking-Bands heute singen könnten! Ich werde schon wieder zynisch, was mir an dieser Stelle auch Leid tut, denn Black Messiahs Windloni hat das nicht verdient! Ich schätze dieses Lied, ich schätze diese Band,  aber was manche Fans so teilweise von sich geben, ist einfach jenseits von Gut und Böse. Und ja, ich habe bereits mit Menschen darüber diskutiert, warum das Christentum völliger Unsinn ist, Thor und Odin aber großartig. Religionskritik - you are doing it wrong, stupid Viking-Kid!
Nichts gegen die Musikrichtung, nichts gegen die (meisten) Bands, nichts gegen die meisten Fans, aber bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob sie Viking-Metal nicht aus irgendeiner Art Playmobil-Komplex hören, weil das Plastikpiratenschiff irgendwann dem Flohmarkt zum Opfer fiel?
Zurück zu dem großartigen Windloni: Windloni ist eine Allegorie für den grimmigen Winter, er überzieht das Land mit Eis und Schnee, weicht aber unausweichlich dem Frühling, der wieder neues Leben bringt. Das wird sowohl in dem Lied direkt angesprochen, als auch in dem dazugehörigen Videoclip gezeigt. Diesen Wechsel zwischen eisigem Winter und lebensbringendem Frühling finde ich eigentlich ein sehr schönes und auch sehr typisches Bild für eine Naturdarstellung, womit Black Messiah ihrem Genre völlig treu bleiben - und da wir gerade irgendwo zwischen Winter und Frühling stecken, ist diese Thematik auch noch höchst aktuell!
Abschließend und augenzwinkernd könnte man meinen: "so würde sich "Circle of Life" aus König der Löwen anhören, wenn nicht Elton John sondern eine Viking-Band den Soundtrack gemacht hätte!

Ich wünsch allen einen angenehmen Frühling und möchte die gar zu euphorischen Pagan- und Viking-Kinder nochmal dazu anregen, doch zu versuchen, erwachsen zu werden. Man kann auch Youtube-Videos genießen ohne alles mit "Hail-Thor"-Comments zuzumüllen. Nur so als Anregung...

Edit 21.03.12: Ein anonymer Comment hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es "Eiswind" heißt. Ich verstand nämlich "Reichswind", was zugegebenermaßen nicht wirklich viel Sinn ergab.

Dienstag, 28. Februar 2012

Trackshittaz - Woki mit deim Popo


Der Eurovision Songcontest. Ein mediales Großereignis, das angeblich sowieso keiner ernst nimmt, das angeblich von vorne bis hinten gestellt ist und weil dieses Ereignis so bedeutungslos und nichtig ist, sitzt ganz Europa und mehr (laut Wikipedia wurde das Spektakel 2011 etwa in New York vom Goethe-Institut vorgeführt) gebannt vor den Bildschirmen. Da ich keinen Fernsehanschluss habe und auch auf Ö3 weitgehend verzichte, hab ich die österreichische Vorentscheidung völlig verpasst und wurde erst durch den großartigen Lyrik-Leser "Havas" auf die diesjährigen Gewinner aufmerksam. Ich werde sein Video ebenfalls einbinden, da er eine schöne Übersetzung ins "Hochdeutsche" (jene die mich kennen, wissen, dass ich kein Anhänger des Begriffs bin... Aber das ist eine andere Geschichte!) gemacht hat und ich mir so die mühsame Übersetzung sparen werde. Auch werde ich mich bemühen - wie immer - völlig neutral über dieses Lied zu schreiben und mir alle weiteren "Facepalms"  zu verkneifen.

Lyrics:



Wia san am Start,
Klunker vierazwanzg Karat,  
unser Bier hot ah-zwa Grad,  
Mundort yeah wia zwa san Stars,  
plündern Bars, wia san am Start,
und olle Leit schrein
heya heya hey,  
wia san Party Indiana,
trogn de Federn auf de Kepf,
und jetzt aussa mit de Depf,
jetzt kummt de Nudlsuppn Gang,
Fruttn yeey,  
Scho laung kan soichen Jubel Trubel gseng,
und sie taunzn und sie shaken,
an de Stoungen an de Deckn,  
bin verzaubert Fruttn schau wie sa sie rekeln
aha

Geht scho Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
yeah yeah 
so gfoit ma des,
Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
wei wos i wü bist du!

Und i geh nei in Club,
de Ladies hom an Feinen Schmuck,
owa er is duat, duat,
wo man ned glei vamut,
i schau nur sie on
sie taunzt on da Stripstang
bin am Start
Oida zig Fraun
bei mir brennt nix aun.
Nudlsuppn Gang wos geht
und olle schrein, ho ho
Und de Weiba san am taunzn,
sie gengan nur low low
Sie wicklt mi uman Finger,
sie wü an winner winner
Und dann kanns springa springa,
Bootyshake, schlimma Finga.

Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh
Woki mit deim Popo,
yeah yeah 
so gfoit ma des,
Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh
Woki mit deim Popo,
wei wos i wü bist du!


Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh
Woki mit deim Popo,
yeah yeah 
so gfoit ma des,
Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh
Woki mit deim Popo,
wei wos i wü bist du!


Dei Popo hot Gefühle,
dei Popo is a Teil von dia,
sitz erm ned auf de Stühle,  
dei Popo hot a Meinung yeah,  
dei Popo wü Bewegung,
drum woki woki woki,  
dei Popo wü Begegnung,
geht scho gib erm wos a braucht,
Dei Popo wird ned müde,  
Dei Popo sogt wos aus von dia,
Kum shake erm er wüs wüd he,
so das des gaunze Haus vibriert,
dei Popo muas am Start sei,
drum woki woki woki,
dei Popo muas am start sei,
geht scho gib eam wos a braucht!


Geht scho
Woki mit deim Popo,  
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
Yeah Yeah
so gfoit ma des,
Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
wei wos i wü bist du!


Geht scho
Woki mit deim Popo,  
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
Yeah Yeah
so gfoit ma des,
Geht scho
Woki mit deim Popo,
Woki mit deim uh uh  
Woki mit deim Popo,
wei wos i wü bist du!

Rhetorik, Stilistik etc.

Besonders auffällig dürfte neben dem über weite Strecken relativ gut funktionierenden Paarreim (gelegentlich auch ein nicht weiter nennenswerter Kreuzreim: "Popo/uh/Popo/du") besonders der Dialekt sein, der wohl selbst unseren deutschen Nachbarn schon einen gordischen Knoten ins Sprachzentrum zaubern dürfte. Damit auch wirklich jeder bemerkt, dass das Lied in Mundart vorgetragen ist, weisen die Interpreten stolz selbst schon in der vierten Zeile der ersten Strophe darauf hin. "Mundoat yeah, wia zwa san Stars". Damit auch unsere nicht österreichisch-sprachigen Nachbarn in den Genuss dieser intellektuellen Granate kommen, hat dieser brilliante Mann (http://www.havas.at/)  das Lied im Rahmen seiner beliebten Lyriklesungen ins "Hochdeutsche" übertragen. Hier also Havas Lyriklesung "Woki mit deim Popo" in verständlichem Deutsch:




Neben der Benutzung des Dialekts und des Endreims finden sich in dem Lied jede Menge Anaphern, hauptsächlich im Refrain, Ausrufe wie "yay" oder "heya hey" lassen sich als Exclamatio bezeichnen, wobei ich sie zusätzlich auch noch zur Onomatopoesie zählen würde. Mit der Nudelsuppen-Gang findet sich eine Doppeldeutigkeit, denn die Nudel kann man auch als Penis interpretieren. "bootyshake", "Strip-Stoung", "shaken" sind Barbarismen. Man könnte das ganze auch Anglizismen nennen, aber es ist mir ein großes Anliegen einmal die Stilbildungsfigur "Barbarismus" in diesem Blog zu erwähnen, zumal mir das Wort passender zu diesem Lied erscheint.
Auffallend und meines Erachtens unnötig ist der unreine Reim in der zweiten Strophe "duat/vamut". Es ist mir absolut nicht verständlich, wieso hier nicht auf "vamuat" gereimt wurde. So bleibt ein hässlicher Stilbruch, dem man zwar Absicht hineininterpretieren könnte, unter den gegebenen Umständen (...ein Lied, dessen Titel die Aufforderung zum Po Wackeln ist) interpretiere ich es jedoch als schlampigen und unüberlegten Fehler.

Inhalt, Interpretation und Facepalm:
Das Lied handelt von zwei ganz besonders tollen Jungs, die durch Discotempel ziehen um in Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht zu kommen und dessen Gesäße zu glorifizieren. Alles in allem hoffe ich, dass dieses ganze Lied mit einer gehörigen Portion Selbstironie gewürzt ist und diese beiden Spassvögel sich selbst nicht allzu ernst nehmen. Eine Frage, die sich an dieser Stelle allerdings nicht beantworten lässt.
Über Provokation in der Musik schrieb ich zum Beispiel schon bei meinem letzten Eintrag, jedoch bezog ich mich dabei auf die dunkle Musikszene. Dass es Provokation, besonders aber sexistische in der Mainstreammusik auch gibt, ist nichts Neues. Erinnert sich noch jemand an diese Peinlichkeit? Alex C feat Y Ass - Du hast den schönsten Arsch der Welt. Ich seh es an dieser Stelle nicht als meine Aufgabe mit Feminismus und Genderstudies anzurücken. Solange sich Frauen für solchen Unsinn freiwillig hergeben, seh ich diese Bereiche sowieso als Donna Quichotes Kampf gegen Windmühl_Innen.
Auch in der amerikansichen Popmusik finden sich reihenweise ähnliche Texte und im Hiphop sowieso.
Hier leisten die Trackshittaz also nichts Innovatives. Auch mit dem Mundart-Hiphop sind sie nicht die Ersten und meines Erachtens auch nicht besten Vertreter Österreichs.
Ich will an dieser Stelle dem Lied allerdings nicht seine Existenzberechtigung absprechen, zumal ich mir nicht sicher bin, ob meine Schwester nicht schulterzuckend "beim Fortgehn kann man gut dazu shaken" anmerken würde. Es mag also durchaus seinen Sinn haben und in bestimmten sozialen Schichten und unter gewissen Umständen (wie etwa bei übertriebenem Alkoholmissbrauch) seine Fans erreichen. Der Erfolg gibt den Trackshittaz Recht.
Jedoch habe ich ein gewaltiges Problem mit dem Lied. Nämlich das, dass es als Österreichs Vertreter zum Eurovision Songcontest geschickt wird. Egal wie unsinnig dieses Event sein kann, Österreich tritt mit einem Lied an, das zum Popowackeln auffordert! Das mag einen minimalen Skandalfaktor auf seiner Seite haben, der dadurch verloren geht, dass keiner den Text versteht. Bleiben zwei abgeschleckte Chavs, die für ganz Europa (und darüber hinaus) im Auftrag Österreichs zum Arsch Wackeln auffordern - jedenfalls für jene, die irgendwo die Übersetzung des Titels erhaschen.
Ist das die Message, die Österreich an die Welt zu schicken hat? 


Und ich mache hier den Trackshittaz absolut keine Vorwürfe. Der Vorwurf geht an die Institutionen des Österreichischen Rundfunks, die unter anderem einen Bildungsauftrag haben. Dieser wird mit Ö1 und ORF2 und 3 zu einem gewissen Grade sicherlich erfüllt, bloss erscheint es mir völlig irrsinnig zur selben Zeit jenen Bildungsauftrag auf den Plattformen, auf denen er am notwendigsten wäre – namentlich Ö3 und ORF1 – mit Füßen zu treten. Wenn das deutsche Privatfernsehen sein Karussel der Peinlichkeiten kreiselt, ist das traurig. Wenn das österreichische Staatsfernsehen auf dieses Karussel aufspringt, ist das absolut inakzeptabel. Ein Vorzeige-Rüpel wie Sido hat im Staatsfernsehen nichts zu suchen und in weiterer Folge auch die Trackshittaz nicht.  Das hat auch nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Vorbildwirkung und gutem Geschmack. Und wer zieht hier wo die Grenzen? Liebe ORF-Leitung, wie wärs mit einer österreichischen Version von Jackass?

Und nochmal: Nichts gegen die Trackshittaz... die tun nur, was sie eben tun. Aber der ORF tut nicht, was er tun sollte: Nämlich aufpassen, was und wer im Programm landet. Deshalb widme ich die nachfolgende Facepalm-Reihe dem versäumten Bildungsauftrag des Österreichischen Rundfunks.
Danke!
Dem ORF-gewidmete abschließende Facepalm-Serie:











Freitag, 17. Februar 2012

Hanzel und Gretyl - Fukken uber death party

Es war einmal... heute: Die Märchenstunde!

Da ich derzeit an einer Proseminararbeit feile, in der es unter anderem um Klischees über die deutsche Sprache im fernen Ausland gehen soll, fiel mir wieder Hänsel und Gretel ein. Oder genauer gesagt: Hanzel und Gretyl. Ein Musikprojekt, das seit 1993 darauf erpicht ist, mir Stoff für meine Proseminararbeit zu liefern oder anders ausgedrückt, seit knapp 20 Jahren darauf aus ist, die deutsche Sprache zu biegen, zu brechen, zu martern, ja geradezu zu vergewaltigen.
In dieser Zeit hatten sie es zur Vorband von Marilyn Manson, Rammstein oder auch Slipknot geschafft, aber erst mit dem heutigen Tage schafften sie es, als erste amerikanische Band, in diesem Blog zu landen!



Lyrics:
F.U.K.K.E.N.
U.B.E.R.
F.U.K.K.E.N.
U.B.E.R.

  Let's get this Toten party started mach schneller!
Let's get this Toten party started mach schneller!
Let's get this Toten party started mach schneller!
Let's get this Toten party started mach schneller!

Bring in die Frau mit der Schnaps und Bier!
Bring in die Frau mit der Schnaps und Bier!
Bring in die Frau mit der Schnaps und Bier!
Bring in die Frau eins, zwei, drei, vier!

FUKKEN
UBER
DEATH
PARTY
FUKKEN
UBER
DEATH
HALT

Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!
Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!
Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!
Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!

FUKKEN
UBER
DEATH
PARTY
FUKKEN
UBER
DEATH
   
*stark verzerrte Sprachsamples, vermutlich aus Hitler-Reden*

FUKKEN
UBER
FUKKEN
UBER

FUKKEN
UBER
DEATH
PARTY
FUKKEN
UBER
DEATH

Rhetorik, Inhalt etc.
Die rhetorische Brillianz des Liedes hält sich dezent in Grenzen, es wiederholen sich immer die selben Elemente, wobei wir unter diesen spannenden Bedingungen immerhin auf drei verschiedene Strophen kommen, die aus vier Zeilen bestehen, die sich inhaltlich exakt wiederholen. Lediglich in der zweiten Strophe bricht die letzte Zeile ab um statt dessen von eins bis vier zu zählen...
Fukken. Obwohl das Wort gewisse ähnlich klingende Assoziationen im Deutschen hervorrufen mag, bin ich diesem Wort auf den Grund gegangen: Neben der einen oder anderen Information, die ich wirklich nicht bekommen wollte (Verweise auf 4chan, ich weiß ja, wieso ich diese Seite immer gemieden habe...) soll "fukken" Internetslang sein und es bedeutet:

 1. fukken
 Another word for the word "fucking". Used by deep-into-computer-ppl Not the i'm fucking someone word, but the i'm fucking good word. 
Why are you even asking this? Are you dense? I'm fukken batman!
"Fukken" ist also etwas positives. Das darauf folgende "uber" ist eines der ganz besonders klischeebelasteteten deutschen Worte, das seinen Ursprung irgendwo zwischen Nazi-Uber-Soldaten (bsp. aus diversen Videospielen) und der völlig falsch interpretierten Grundidee dahinter, Nietzsches "Über-Mensch" haben mag. Es scheint einen gewissen Grundschatz von deutschen Wörtern zu geben, die weltweit, aber besonders im englischen Raum mit der deutschen Sprache in Zusammenhang gebracht werden und die generell auch bei nicht vorhandenen Deutsch-Kenntnissen von Deutsch-Fans gerne irgendwo mitten in ihre englischen Kommentare gepostet werden. Nennen wir es einfach deutsche "Uber-Worte", denn "über" ist definitiv eines von ihnen. Dass die Ü-Striche und Umlaute generell schon mal weg fallen können, darf man einfach nicht so engstirnig sehen. "Über" ist in dieser Funktion meistens ebenfalls als ein Wort  zu verstehen, das etwas positiv steigert und eine Stufe höher setzt. Es eben "über" den Normalzustand setzt. Wenn man davon ausgeht, dass es sich um ein deutsches Lied handelt, wären natürlich alle englischen Worte Anglizismen, wie sinnvoll das im Falle dieses wahnwitzigen Hybrid-Textes aus Englisch und Deutsch wäre, ist fraglich. 
Wir haben also eine "fukken uber death party". "fukken" und "uber" sind also beides Worte, die etwas zum Positiven steigern, also ersetze ich sie auf paradigmatischer Ebene durch Worte mit ähnlicher Funktion um den Sinn ein bisschen klarer darzustellen: "super mega Todes Party" wäre etwa eine Möglichkeit. Man könnte "über" natürlich auch im Sinne von "über dem Tod" also "den Tod überwinden" verstehen, was meines Erachtens aber durch den üblichen Sprachgebrauch des Wortes "uber" auszuschließen ist. Dennoch die Mehrdeutigkeit besteht und beschert dem Lied damit eine Tiefe, die ich ihm weder zugetraut hätte, noch zugestehen will.
Auf zur ersten Strophe: "Lets get this Toten Party started - mach schneller". Fangen wir mit dieser Toten-Party schneller an. Da diese Band ziemlich eindeutig und provokativ NS-Stilistik einsetzt und generell gerne mit Nazi-Klischees spielt, kommen bei mir bei diesen Zeilen Bilder aus Konzentrationslagern hoch, was entweder auf morbide Züge meinerseits oder größte Geschmacklosigkeit seitens der Band hinweist. 
Strophe zwei bedient sich da schon freundlicheren Klischees über das deutsche Volk. Da kommt Oktoberfest-Stimmung auf: "Bring in die Frau mit der Schnaps und Bier!". So fröhlich wie auch in dieser Strophe "denglisch" gesprochen wird, ist es wohl den Aufwand nicht wert sich hier über den fehlenden Dativ beim Artikel des Schnapses zu ärgern, zumal ja gerade diese Schlampigkeiten die Reize des amerikanischen Klischee-Deutschs und somit auch dieses Liedes ausmachen.
Hier wird rhetorisch raffiniert die vierte Zeile verändert: das "mit der Schnaps und Bier" wird durch "eins, zwei, drei, vier" ersetzt, ein rhetorisch geschickter Kunstgriff, da sich "vier" nach wie vor auf das "Bier" der dritten Zeile reimt. Überdies fällt das Zählen bis Vier natürlich ebenfalls in die Kategorie "Uber-Deutsch". Das auf Deutsch Zählen ist selbst in deutschen Liedern eine höchst beliebte Disziplin, zeugt sie doch von überragenden arithmetischen Fähigkeiten, welche man zweifelsohne in der Musik demonstrieren sollte. Andere berühmte Beispiele für den kunstvollen Einsatz deutscher Zahlen sind beispielsweise: Oomph! - Augen AufRammstein - SonneTerminal Choice - Keine MachtFarin Urlaub Racing Team - zehn .
Aber in der dritten Strophe kommt alles noch besser: "Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel".
"Kraut" war eine stereotype Bezeichnung für Deutsche, meist deutsche Soldaten während des zweiten Weltkriegs. (Wikipedia: Kraut) "Mit" verlangt den Dativ, das sagt sogar der Duden, aber wieso sollte man den Dativ plötzlich verwenden, wenn man ihn doch schon in der zweiten Strophe so erfolgreich ignoriert hat? Das dativlose "Schnitzel" würde ich persönlich wieder als eines dieser klassischen "uber-deutschen" Worte bezeichnen. Schnitzel und Sauerkraut kennt man. Zusätzlich würde ich es in dieser Redewendung auch nicht falsch finden, wenn man Schnitzel als Metapher für das männliche Geschlechtsorgan interpretiert. Aber das kann natürlich auch völlig weit hergeholt sein.
Damit das Ganze dann noch deutscher wirkt, folgt noch dieses verzerrte und unverständliche Sprachsample, das vermutlich irgendeine Hitler-Rede sein dürfte, zumindest aber so klingt.
Auffallend in bestimmten Richtungen der dunklen Musik ist der Zwang zu provozieren. Viele Bands erreichen dieses Ziel durch übertriebenen Uniform-Fetischismus und das gewagte Spiel mit Symbolik aus dem Nationalsozialismus. Viele dieser Bands haben jedoch keinerlei rechtsradikale Absichten, distanzieren sich davon oder bezeichnen sich als unpolitisch. Wenige sind tatsächlich rechtsradikal, diese stehen meist auch dazu. Gemeinsam haben jedoch alle, dass über ihre mögliche politische Ausrichtung debattiert wird. So natürlich auch bei Hanzel und Gretyl, was bei einem solchen Albumcover auch nicht weiter verwunderlich sein dürfte...


Von der Farbwahl über die Totenköpfe zu den Blitzen, hier wird mit Symbolik gespielt, die sich im deutschsprachigen Raum in die Nähe der Verfassungsgrenze begibt. Auf den ersten Blick mag Hanzel und Gretyl vielleicht wie eine rechtsradikale Band wirken, jedoch wurde auf den völlig unsinnigen Text bereits eingegangen. Es bleibt zu dieser unleidigen Frage zu sagen: Hanzel und Gretyl ist von vorne bis hinten nicht ernst zu nehmen. Das ergibt eine Betrachtung aller ihrer Texte, die zwar gehäuft mit Worten und Floskeln aus dem Nationalsozialismus sein mögen, diesen aber durch ihre völlig willkürliche Verwendung und Konstruktion jegliche Ernsthaftigkeit entziehen. Kein Mensch, der diese Texte tatsächlich versteht, weil er sowohl der deutschen als auch der englischen Sprache mächtig ist, kann dieser Band ernsthaft rechtsradikales Gedankengut unterstellen.
Des Weiteren, würde diese Band ansatzweise rechtsradikal sein, würde sie definitiv nicht hier in dem Blog landen. Es handelt sich um Satire und Nonsens mit nicht allzuviel gutem Geschmack. Ob ein solches Projekt notwendig ist?
Definitiv, denn Pionieren wie Hanzel und Gretyl oder auch Rammstein habe ich es zu verdanken, dass in der internationalen Bevölkerung das von mir hier geprägte "Uber-Deutsch" existiert, das die Grundlage für meine Proseminararbeit bildet. Wer weiß was ich mir sonst für ein Thema suchen hätte müssen? In diesem Sinne... danke rothaarige Gretel und Stahlhelm Hänsel.